Im Rahmen der Fortbildungsreihe „Junge Geflüchtete in der Jugend(verbands)arbeit“" wurde der BDP Berlin im Sommer vom Landesjugendring angefragt, ob wir über unsere verschiedenen Zugänge zu Geflüchteten im Rahmen eines Seminars referieren könnten.
Tatsächlich können wir trotz unserer Kleinheit (bspw. im Vergleich zur AWO Jugend, die ebenfalls ihre Arbeit vorstellte) immerhin auf viele verschiedene Aktivitäten zurückblicken, in denen junge Geflüchtete mitgedacht worden sind. Neben dem jugendverbandlichen Engagement gibt es im BDP Berlin auch vielerlei Engagement in den einzelnen Einrichtungen (Koeltze, Luke).

Interkulturelle Arbeit als Querschnittsaufgabe
Bundesweit und auf Landesebene, vor allem in den Landesverbänden die in den Großstädten aktiv sind, ist interkulturelle Arbeit stark vertreten. 2010 wurde eines der letzten Jahresthemen im BDP der Interkulturellen Arbeit gewidmet und ein entsprechender Arbeitskreis (AK Interkulturelle Arbeit/ AKIA) befasste sich mit Theorie und Praxis. In diesem Zusammenhang fanden auch (erneut, nicht zum ersten Mal) Vernetzung, Diskussionen und Seminarinhalte rund ums Thema „Flucht und Migration“ ihren Weg in den BDP. Geflüchtete werden daher nicht erst seit 2015 im BDP mitgedacht – das gilt übrigens für viele Jugendverbände. Jugendverbände müssen im Umgang mit den steigenden Zahlen geflüchteter Menschen methodisch „das Rad nicht neu erfinden“. Außerschulische Methoden, die nicht sprachlastig ausgerichtet sind (sondern den Körper und verschiedene Kompetenzen in den Mittelpunkt stellen), die nicht nach Leistung bewerten sowie über Erfahrungen im Interkulturellen Arbeiten verfügen und ein Bewusstsein für Verschiedenheit verinnerlicht haben, statten Jugendverbände mit wichtigem Handwerkzeug aus, um agieren zu können.


Dialog herstellen – Kooperation mit JoG
Sowohl in Bremen (dort habe ich den BDP 2003 kennengelernt) als auch in Berlin wurde im Zusammenhang ‚Flucht‘ insbesondere die Unterstützung und Zusammenarbeit mit der NGO „Jugendliche ohne Grenzen (JoG)“ wahrgenommen und gepflegt. JoG setzt sich für die Menschenrechte von jungen Geflüchteten in Deutschland ein. In Bremen wurde der JoG-Gruppe ein Raum für deren Treffen u.a. im Mädchenkulturhaus angeboten. Ziel war es hier, die jungen Geflüchteten zu empowern und ihre Forderungen selbständig äußern zu lassen. Im AKIA und in anderen Gremien wurden ihre Aktivitäten vorgestellt, ihre Postkartenaktionen unterstützt und JoGs bei Veranstaltungen als Referent_innen einbezogen, so z.B. bei unserem Wochenendseminar zum Thema „Flucht und Asyl – so habe ich mir das aber nicht vorgestellt“ im März 2014 oder bei der Organisation der Lebendigen Bibliothek im Rahmen einer Projektwoche in einer Steglitzer Oberschule. Zu dem o.g. Seminar luden wir auch eine Gruppe Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge aus Bremen nach Berlin ein, um den Dialog zwischen jungen Geflüchteten und jungen Erwachsenen aus Berlin zu ermöglichen.

Ferienfahrten und Flüchtlingsunterkünfte
Da „Ferienfahrten organisieren“ ein Handwerk ist, dass der BDP Berlin beherrscht, organisierten wir 2015 relativ spontan im Sommer drei einwöchige Fahrten für je ca. 20 bis 30 Kinder aus verschiedenen Flüchtlingsunterkünften an den Teufelssee. Ziel war es, sie aus den häufig beengten Unterkünften „zumindest kurzweilig“ rauszuholen und ihnen die Möglichkeit zu geben, den Alltagsstress zu vergessen und einfach Kind sein zu dürfen. Leider war es uns mangels Zeit nicht möglich, auch andere Berliner Kinder für die Fahrten zu gewinnen. Die dreiwöchigen Ferien-maßnahmen konnten wir nutzen, um für uns wichtige Erfahrungen zu sammeln. Wichtigste Erfahrung war, dass die Ängste vor unüberwindbarenSprachbarrieren und vor Traumata genommen wurden. Beides wird als größte Barriere in Fachgesprächen immer wieder benannt.
Da die Ferienfreizeiten in Kooperation mit verschiedenen Flüchtlings-unterkünften durchgeführt wurden stellten wir zudem fest, dass ein guter Draht zu den Sozialarbeiter_innen wichtig ist. Diese kennen Eltern und Kinder und können meist bei Problemen dolmetschen.
Nach den Sommerferien eröffnete in unmittelbarer Nähe zum BDP Büro das alte Rathaus am Fehrbelliner Platz seine Türen für mehr als 800 Geflüchtete. Ella nahm in ihrer Funktion als Vorstand an einem Nachbar_innen Infotreffen teil. Schnell wurden Ehrenamtler_innen in dem „Netzwerk Wilmersdorf hilft“ koordiniert. Längere Zeit haben wir Ideen gewälzt, wie wir uns dort engagieren können. Soll die Bildungsreferentin versuchen, mit ein oder zwei Ehrenamtler_innen oder Honorarkräften dort ein regelmäßiges Angebot für Kinder oder Jugendliche zu stemmen? Als BDPler_innen? Neben der Ehrenamtler_instruktur „Wilmersdorf hilft“ oder als (Kleinst-) Teil dessen?
Es wurde verschiedentlich Kontakt zu Sozialarbeiter_innen aufgenommen und zu Ehrenamtler_innen aus den Unterstützungsnetzwerken. Ein konkretes Angebot wurde nicht ins Leben gerufen.


Qualifizierung der Unterstützer_innen
Statt direkt in der Flüchtlingsunterkunft aktiv zu werden wurde im Gespräch mit den Teamer_innen der Jugendbildungsstätte Kaubstraße die Idee weiterverfolgt, sich auf eine weitere Kompetenz der Jugend(verbands)-Arbeit zu berufen: Sensibilisierung und Qualifizierung von Engagierten/ Multiplikator_innen. So wurden für Winter und Frühjahr zwei Spiele-seminare mit „Spielen fast ohne Worte“ organisiert und die Problematik der Sprachbarrieren aktiv durch eine Methodenschulung von Unterstützer_innen angegangen. Beide Seminare erhielten viel Zuspruch und waren schnell ausgebucht.


Unterstützer_innen als Vermittler_innen
Der Mehrgewinn für den BDP aus den Spieleseminaren liegt in dem Kennenlernen der Unterstützer_innen und deren Direktkontakt zu geflüchteten Menschen (über die Unterkünfte hinaus). Sie stellten für zwei Aktivitäten in 2016 ein wichtiges Bindeglied und Sprachrohr zwischen dem BDP und Geflüchteten dar. 2016 wollten wir bei unseren geplanten Aktivitäten eine stärkere Mischung der Teilnehmer_innen fördern und suchen 1.) fünf junge Geflüchtete, die an der Juleica Schulung teilnehmen, 2.) zehn geflüchtete Kinder für das Große Kinderzeltlager.
In beiden Fällen suchten und fanden wir die Teilnehmer_innen mit Fluchthintergrund über die Unterstützer_innenkreise. Wir treten also nicht nur mit einer Person in einer Unterkunft (Sozialarbeiter_in) in Kontakt sondern mit verschiedenen Personen. Und mit dem – wenn auch schleppend verlaufenden – Auszug der Geflüchteten aus den Massen-unterkünften bilden die Unterstützer_innen einen – aus unserer Sicht – immer wichtiger werdenden Verknüpfungspunkt.
Mit dem Auszug aus der Notunterkunft wird zudem die miserable Wohnsituation verändert, in der Gesellschaft angekommen sind geflüchtete Menschen zu dem Zeitpunkt aber wohl eher noch nicht.


Teilhabe durch Quotenregelung
Die Festlegung einer Quote für Geflüchtete bei der Juleica-Schulung (5 von 20) und dem Großen Kinderzeltlager (10 von 60) war aus unserer Sicht eine wirksame Methode, um für uns ein klares Ziel zu setzen. Ansonsten entspricht die „Quote“ dem, was wir generell mit unserer Arbeit verfolgen, nämlich eine Teilnehmer_ingruppe nach verschiedenen Aspekten möglichst heterogen zu gestalten und bspw. nicht Ferienfreizeiten nur für Geflüchtete zu organisieren. Maßnahmen nur für Geflüchtete war für uns nie langfristiges Ziel. Berliner_innen und Neu-Berliner_innen sollen innerhalbdes BDP auf verschiedenen Ebenen gemeinsam an Aktivitäten teilnehmen, sich kennenlernen und Freundschaften schließen. Hier liegt das große Potential von Jugendverbandsarbeit. Der Prozess des gemeinsamen Zusammenwachsens wird einen langen Atem benötigen, so dass auch klare Zielvorgaben bei Teilnehmer_innenzahlen für die nächsten Jahre sinnvoll sind. Das recht unkomplizierte Antragsverfahren beim Landesjugendring für finanzielle Mittel zur Unterstützung von Geflüchteten macht es möglich, die Zielvorgaben auch nach unten zu korrigieren.
Ein zartes Pflänzchen


Insgesamt wurden dieses Jahr also fünf Geflüchtete zu Jugendgruppenleiter_innen ausgebildet. Einer der fünf Juleicistas hatte letztes Jahr am Teufelssee erste Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit gesammelt, ein weiterer nahm im Anschluss an die diesjährige Schulung zum ersten Mal als Co-Teamer an dem Großen Kinderzeltlager teil. Ein dritter Geflüchteter nahm an dem Seminar zu Nachhaltigem Gruppenkochen im Oktober teil und will bei einem der nächsten Choordination-Termine mitkochen. Ein weiterer junger Geflüchteter kam zu einem Gespräch in die Kaubstraße, um über die Möglichkeiten zu erfahren, wie er sich im deutsch-französischen Jugendbereich engagieren kann. Es handelt sich um wenige Personen, zu denen wir mal mehr mal weniger im Kontakt stehen.


Alle sind aufgrund ihrer Situation mit verschiedensten Schwierigkeiten konfrontiert. Aufenthaltsstatus, Wohnungsnot, Sorgen um Verwandte und Bekannte, Schwierigkeiten, was die berufliche Zukunft hier anbelangt. Die wenigsten Probleme können tatsächlich durch uns gelöst werden. Es wird auch für die Geflüchteten Zeit vergehen müssen, um so etwas wie Normalität und Alltag einkehren lassen zu können. Und dazu gehört es, sie auch nicht mehr primär als Geflüchtete wahrzunehmen sondern als Individuen mit Namen, Interessen, Stärken und Schwächen.